Hagiotherapie – eine gute Medizin für mich! – und auch für Dich?

1.        Steine – Werfen

Eine erlebte Erfahrung anlässlich der Fastenpredigt in der Kirche St. Michael in München: Der Prediger nahm einen echten Stein mit und stellte einen Bezug zu uns Menschen her: In unserem Alltag werfen wir immer auch Steine auf andere.

Beispielhaft an meiner Person will ich aufzeigen, wie Hagiotherapie und Steine – werfen im Zusammenhang stehen. Ich stelle die These auf: Hagiotherapie bedeutet den Verzicht auf Steine-werfen.

2.        Wie kam ich zur Hagiotherapie

Über 20 Jahre lebten wir mit Bibel-Teilen, Lobgesang und Anrufung um den hl. Geistes in der charismatischen Erneuerung. Viele Impulse für unser geistliches Leben wurden uns geschenkt.

Über einen Freund erhielten wir den Hinweis, dass einen Kurs zur Weiterentwicklung der charismatischen Erneuerung durch die Hagiotherapie gibt. Wir sagten ja, und blieben dabei.

3.        Ausbildung der Hagiotherapie

Drei Erfahrungen prägten mich bei der Ausbildung der Hagiotherapie.

3.1.     Schultafelgebet

Im Schultafelgebet stehe ich mit Jesus vor einer Tafel. Er lädt mich ein, ihm zu sagen, was mich bedrängt. Jesus schreibt alles auf. Dann wischt er jede Zeile, die er aufgeschrieben hat, Zeile für Zeile ab und sagt zu mir: „Dieser Schwamm ist mit meinem kostbaren Blut getränkt, ich wische Zeile für Zeile weg.“ Gleichsam wie ein Eiswürfel auf einer heißen Platte, so verschmilzt mein Problem auf der Hand Jesu.

Dieses Gebet faszinierte mich. Wie oft stand ich vor der Tafel in meiner Gymnasialzeit und wurde in die Bank geschickt: „Deinhart, setzen, mangelhaft!“ Das hat mich sehr getroffen. Erstmals habe ich eine neue Erfahrung mit diesem Schultafelgebet.

3.2. Fallschirmgebet

In meiner Ausbildungszeit hat mich ein weiteres Gebet in den Bann gezogen, das sog. Fallschirmgebet: „Du hast mich in die Welt geschickt. Ich bin von oben gekommen. Jemand hat mich geschaffen. Meine Eltern wussten nicht, dass ich zur Welt komme. Ich war ihnen unbekannt. Sie wussten nur: ein Mensch kommt zu uns. – Ich habe ein Recht, auf der Erde zu leben. Mein Schöpfer hat mich geschickt. Hinter mir steht mein Schöpfer. Diese Erde gehört dem Schöpfer.“ Tomislav Ivancic sagt dazu: Im Augenblick meiner Zeugung hat mich der Schöpfer „geküsst!“. Ich bin in seiner Hand eingezeichnet. Er sagt zu mir: Sollte dich deine Mutter vergessen, ich werde dich nie vergessen.

3.3. eine praktische Übung als Hausaufgabe

Nach dem Wochenende, wo das Fallschirmgebet vorgestellt wurde, hatten wir Kursteilnehmer als Hausaufgabe: jeden Morgen für 10 Minuten beim Aufstehen, bestand die Aufgabe, sich zu vergewissern: Ich bin gewollt, ich bin ein geliebtes Kind Gottes. Die in diesem Zeitraum gemachten Erfahrungen sollten niedergeschrieben werden. Mit dieser Übung habe ich meine Existenz wiederentdeckt.

4. Hagiotherapie – eine gute Medizin für mich

Wenn ich die Situation vor 2004 und meinen 14 jährigen Weg mit der Hagiotherapie betrachte, dann stellten sich Veränderungen ein:

4.1. Mein Menschenbild hat sich verändert

Früher war ich verängstigt, ich konnte nicht frei reden, mich plagten Selbstzweifel über meine Fähigkeiten, ich war zurückgezogen, hielt wenig auf mich, ich antwortete auf Kritik mit Gegenkritik, heute bin ich frei, ich kann weitgehend frei reden, ich habe es gesundes Selbstbewusstsein, ich halte nicht mit meiner Meinung zurück, ich bin selbstbewusst, ich verteidige mich nicht mehr. Ich verfahre nach dem Motto: Alles sehen, viel übersehen, wenig korrigieren.

4.2. Mein Gottesbild hat sich verändert

Früher war Gott ein strafender Gott, er war für mich ein furchterregender Gott, ging einmal bis zweimal im Jahr beichten, ich sah meine Zukunft schwarz, heute erlebe ich für mich einen gerechten und barmherzigen Gott in drei Personen: Ich darf Gott meinen Vater nennen, seinen Sohn Jesus als Freund haben und den Hl. Geist, wenn ich es will und offen dafür bin, mich als ständiger Begleiter haben. Ich bin gelassen, wenn mich jemand auf meine Fehler hinweist, ich beichte monatlich. Denn ich habe gelernt, dass ich Fähigkeiten und Schwächen habe. Meine Schwächen bringe ich vor Gott, und durch den Priester erfahre ich nicht nur Lossprechung, sondern auch einen Impuls für mein Leben. Auch sehe ich, weil mir nur Gutes passieren kann, weil Gott mit mir geht, der nur das Gute will.

5. Erfahrungen mit meinen Bruchstellen

Eine Geschichte im Aufbaukurs besagt, dass Frauen in großen Tonkrügen Wasser holten, weil es im Dorf keine Quelle gab. Eines Tages stolperte eine Frau aus Unachtsamkeit und ihr Tonkrug wurde beschädigt. Für einen neuen Krug reichte ihr Geld nicht, also umwickelte sie den Krug notdürftig mit ihrem Tuch. Aber das Wasser topft an den Bruchstellen heraus, als sie im Dorf ankam, war die Hälfte des Wasser weg. Die Frau mit dem angebrochenen Krug fühlte sich zu nichts nütze. Nach einer Zeit, als die Frauen wieder zum Fluss gingen, war der schmale Pfad gesäumt u.a. mit vielen kleinen farbigen Blumen. „Das waren deine Wassertropfen“, lachten die Frauen, „sie haben den staubigen Weg zum Blühen gebracht.[1]

Jeder Zuhörer erhielt Fragen, die er für sich beantworten und schriftlich niederschreiben sollte. Eine der Fragen lautete: „Kann ich etwas Positives aus meinen eigenen Schwach- und Bruchstellen abzugewinnen und sehe ich darin sogar Begabungen und Fähigkeiten“

6. Systematische Darstellung der Leiden der Geistseele und die Beziehung auf meine Person

Im Aufbaukurs Hagiotherapie werden in der Einheit Pathologie die verschiedenen Leiden systematisch dargestellt[2]. Bezogen auf meine Person:

6.1. ontologisches, existentielles Leiden der Geistseele

Seit Beginn der Menschheit begleiten jeden Menschen die existentiellen Leiden und erwachsen aus den Fragen nach dem Sein. Früher habe ich meinem Schöpfer einen Vorwurf gemacht, dass er mich ins Leben gerufen hat, heute bejahe ich sein Schöpfungswerk. Ich weiss nicht, ob mein Eltern mich gewollt haben, aber meine Eltern waren offen für neues Leben. Aber meine Eltern waren von der Vielzahl ihrer Kinder (neun) in vielfältiger Hinsicht überfordert. In der hagiotherapeutischen Anamnese hängen die Aspekte - in welcher Geschwisterreihe der Hagiopatient steht, ob es Fehlgeburten gab, ob es Abtreibungen gab, ob ich gewünscht war, ob ich Eltern vor der Ehe noch ein Kind hatten – wesentlich mit meiner Entwicklung zusammen.

6.2. basische Leiden von Zeit der Empfängnis bis zum 4. Lebensjahr

In diesem Zeitraum wird das Vertrauen und Freiheit eines jungen Menschen grundgelegt. In dieser Phase wird das Kind entscheidend geprägt, bzw. ob ein Willkommensgruss erfolgt oder Mangel an Vertrauen und Verlust der Freiheit gegeben ist.  In dieser Phase hatte ich keine konkrete Erlebnisse. Indirekt kann ich Mängel aus dieser Phase feststelle, wenn ich aus meiner Ausbildungszeit mit dem Schultafelgebet und Fallschirmgebet sympathisiere.

6.3. Alltägliche Leiden

„Alltägliche Schädigungen der Geistseele geschehen während des ganzen Lebens bis hin zum Tod … Der Mensch ist grundlegend gefährde. Auch ich persönlich habe meine Eltern und meine Geschwister verletzt, ebenso meine Frau, meine Kinder und Caritasmitarbeiter (Beispiele….)

7. Hagiotherapie – was ist das?

Die verschiedenen Therapien beinhalten einen guten Ansatz. Ich folge gerne der Schülerin von Viktor Frankl, Elisabeth Lukas, die eine Faustregel zu den verschiedenen Psychotherapierichtungen aufgestellt hat: Die Psychoanalyse sieht den Menschen als „reagierendes Wesen“, die Verhaltenstherapie erachtet ihn ein „reagierendes Wesen“, die Logotherapie erachtet ihn als „agierendes Wesen“; und die Hagiotherapie ebenfalls als „agierendes Wesen.[3]  Während das Ziel der humanistischen Psychologie die Selbstverwirklichung ist, haben die Logotherapie und Hagiotherapie das Ziel der Selbsttranszendenz. Tomislav Ivancic gibt eine plakative Antwort: Die Psychologie bearbeitet die Psyche, die Gefühle, während die Hagiotherapie sich ausschließlich mit dem menschlichen Geist beschäftigt. Zwar Logotherapie und Hagiotherapie schwerpunktmäßig mit der Sinnfrage zu tun, auch beide Richtungen verfolgen die Geistseele, während die Logotherapie nur wenige Organe der Geistseele „sichtet“, konzentrierte sich Tomislav Ivancivc als Begründer der Hagiotherapie ausschließlich auf die Geistseele mit über 30 Organen.

8. Hagiotherapie ganz konkret

An drei Beispielen will ich meinen Alltag beschreiben

8.1.     Alltägliches Ja zu meinen Schwächen und Stärken

Als Mann sehe ich mich beim Rasieren im Spiegel. Bei der morgendlichen Toilette sage ich zu mir, mit meinen Schwächen und mit meinem Schwächen Ja. Ich bin bewusst zuhause. Mich kann jemand besuchen.

8.2.     Vertrauen, dass der Schöpfer nur das Beste will!

In dem Buch Numeri (Num 22, 22-35) schlägt der Seher Bileam seinen Esel, der offensichtlich vom Weg abkommt, dreimal. Dann entwickelt sich ein Gespräch zwischen Bileam und dem Esel. Hintergrund: Der Esel weicht einem Engel aus, der im Wege steht.[4] – Oft bin ich ungehalten, wenn es nicht nach meinem Willen läuft. Vertraue ich darauf, dass mein Schöpfer nur das Beste für mich will? (Beispiel….) Gottes Pläne sind andere Pläne als meine Pläne. Deshalb ist es empfehlenswert, in die Stille zu gehen, sich zu sammeln, um die leisen Töne des Schöpfers zu hören. (Geschichte mit der verlorenen Uhr)[5]

8.3. Verzichten

Eine konkrete Erfahrung (Beispiel…) Ich verzichte auf eine ausführliche Stellungnahme. Tomislav Ivancic schreibt in seinem Buch „Gott verändert“ als erstes Medikament einer Notfallapotheke: „Verzichte jetzt auf alles, damit du in dir keine falsche Sicherheit mehr hast. Dann wirst du spüren, wie seine Anwesenheit auf einmal bei dir ist.“[6].

9.        Abschluss

Die Hagiotherapie ist eine gute Medizin für mich:

Trotz vieler Leiden meiner Geistseele bin ich dankbar, dankbar (Beispiele)

Auch in der Vorbereitung auf diesen Vortrag habe ich wieder Steine geworfen. Dies tut mir von Herzen weh. Eine Reue mit Demut ist notwendig. Aber durch die Hagotherapie habe ich verstanden, dass ich auf andere Menschen keine Steine werfe. Manchmal gelingt dies, manchmal gelingt dies mir nicht.

Ist die Hagiotherapie auch eine gute Medizin für die Zuhörer? Ich habe aus meinen Leben erzählt. Drei Fragen finden Sie auf einem Zettel. 1.Erkennst Du Schwachstellen in Deinem Leben? Erkennst Du Deine Bruchstellen? 2. Mit welchem Tuch hast Du sie „notdürftig“ umwickelt? 3. Haben Deine Bruchstellen auch gute Seiten? Was bringt die Schwachstellen zum Blühen?[7] – Sie können die Antworten aufschreiben. Jeder, der sich entschieden hat, ein Zeugnis über sich zu geben, ist herzlich eingeladen.

Peter Deinhart /17.04.2019

 


[1] Vgl. Hagioitherapie, Aufbaukurs, Limburg, 2018, S. 32

[2] Vgl. Hagiotherapie, Aufbaukurs, a.a.0, S. 42-44.

[3] Hildegard Winter-Stein, Werde, wer du bist, Kisslegg-Immenried, 2013, S. 180

[4] Vgl. Die Bibel, Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, Altes und Neues Testament, Pattloch, 1980,.S. 151 f

[5] Vgl. Hagiotherapie, Grundkurs, Limburg, 2016, S. 42

[6] Tomislav Ivancic, Gott verändert, Salzburg, 2007, S. 158.

[7] Vgl. Hagiotherapie, Aufbaukurs, a.a.0.S. 32.

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